Kahla in Sachsen-Altenburg

Stammler (1922, 22. Februar), Kahla in Sachsen-Altenburg, in: Jenaer Jugend – Mittwochsbeilage des „Jenaer Volksblattes“, Nr. 3
„Man riecht es dem Gelde nicht an!“ – nämlich wie es gewonnen ist. Der Spruch des alten Römers hatte seine ironische Größe. Er wusste, dass es beim ihm sonst recht übel duften würde. Ich glaube nicht, dass die Stadtväter Kahlas diese ironische Größe fühlten, als sie ihre neue Notgeldserie herausgaben. Ich glaube, dass sie bloß in einem seligen Glanze strahlten, wie ihnen ein pfiffig-betriebsamer Mitbürger seine „Idee“ unterbreitete. Eine echt fortschrittliche Spießeridee von jener strahlenden Zeitgemäßheit, die immer auf einen erleuchteten Geist schließen läßt! Das Notgeld hat sich überlebt, eine Not an Münze ist so gut wie nicht mehr vorhanden, aber die Spekulation hat sich der Sache bemächtigt und nun drucken und prägen die Städte in lieblichem Wetteifer Geld, das überhaupt nicht für den Verkehr bestimmt ist: man weiß und rechnet vielmehr damit, daß es sofort in Sammlerhände übergeht und infolgedessen nie mehr zur Einlösung zu kommen braucht. Also ein famoses Geschäft für die Stadt – wenn es ihr gelingt, ihr Geld auf irgendeine Weise begehrenswert zu machen. Nun kommt Kahla damit reichlich hinterdrein und über künstlerischen Witz verfügt es offenbar auch nicht sehr, ab es wusste sich auf andere Weise zu helfen. Der Vorschlag des geriebenen Kahlaers ging zunächst dahin in diesem Sommer auf der Leuchtenburg eine allgemeine deutsche Notgeld-Ausstellung zu veranstalten, um bei dieser Gelegenheit auch die eigenen Serien gewinnreich unterzubringen. Und nun der ganz große, der blendende Einfall. Die Leuchtenburg hatte ja doch eine lokale Begebenheit, die richtigen Staub aufgewirbelt hatte – die durfte man ja doch nur für die Sache ausschlachten! Muck und seine Schar! Machen wir eine Muck-Serie! Das muss „das originellste Notgeld“ werden „in ganz Deutschland“! Die Ausführung – na, was brauchts da viel! Vor allem die beliebten und von allen Kindern wohlverstandenen Störche drauf und dazu ein paar Reime aus der Kaffeemühle gequetscht; „statt sechse sind es sieben“, frei nach dem armen, totgerittenen Glocken-Schiller. Der Witz ist kolossal! Da aber ein genialer Kopf nie bloß über einen einzigen Gedanken verfügt, schloss sich gleich noch ein anderer, ebenso famoser Einfall an: „Das Notgeld des Notgeldes!“ Eine ätzende Satire auf den ganzen Notgeldschwindel – pardon, so war´s nicht gemeint – also „eine ätzende Satire auf die Notgeldhochflut!“ Ein Drache speit Papierscheine, das Volk flüchtet: „Rette sich, wer kann“. Endlich aber zum Schluß, und jetzt passen Sie auf, meine Herren, denn nun kommt der Ernst! Wir kennen nämlich die Größe der Zeit und wissen, was Deutschlands Ehre fordert. Eine Hindenburg-Serie! Wie ich Ihnen mitteilen kann, hat seine Exzellenz bereits einen eigenhändigen Spruch dazu gestiftet. Und mit dieser Serie beschaffen wir zugleich unseren Teil an Mitteln, die wir für das große Landes-Krieger-Ehrenmal auf der Leuchtenburg ja doch auf irgendeine Weise aufbringen müssen. Also zwei Fliegen auf einen Schlag! (Allgemeine Begeisterung – und wer sollte nicht jubeln!).
Ich habe lange kein so würgendes Gefühl mehr im Halse gespürt, wie bei dieser Ankündigung. An sich ja alles herzlich unbedeutend – ein kleinstädtisch-kitschige Mache, über die es nicht wert ist, ein Wort zu verlieren. Aber sie gibt wieder einmal so ein Bild von dem Deutschland, in dem wir leben! Nichts, überhaupt nichts mehr – keine Leistung, keine Sache, keine Person mehr sachlich ernst genommen; alles bloß noch ein öffentlicher Mumpitz, dazu gut, um Sensation zu wecken, um Geld zu machen. Dass sich auf der Leuchtenburg eine Jugendtragödie abgespielt hat, wer fragt darnach – es gibt ja Geld! Daß man sich mit der Notgeld-Serie selber an den Pranger stellt: ist ja wurscht, warum braucht man sich denn ernst zu nehmen – wenn nur das Geld hinausspringt! Dass der Name Hindenburg die größten Schicksalserinnerungen unseres Volkes deckt: eben deswegen braucht man ihn ja – fürs Geld! Im Gegenteil, es heißt schnell noch zulangen, ehe der Name völlig abgerutscht ist. Das er´s hier noch ein bißchen mehr wird, kommt für uns nicht in Betracht – Geld! Armer Feldmarschall! Wenn Du ahntest, was heute Patriotismus ist! Und nun in diesem Zusammenhang das Denkmal auf der Leuchtenburg. Dass da wirklich sechstausendsechshundert Landeskinder in den Schützengräben verblutet, auf Aeckern oder in Lazaretten verschmachtet, erfroren, im Wundfieber zugrundegegangen, bestialisch hingemordet worden sind – wer denkt denn wirklich daran! Wir, wir selber brauchen ein Denkmal! Ein Denkmal für den herrlichen Opfersinn der Zeit, ein Denkmal für sachsen-altenburgische Größe. Ein Denkmal, von Schweiß und Blut der internationalen Notgeldsammler aufgebaut! Denken Sie doch, meine Herren, was für ein neuer Fremdenanziehungspunkt für Kahla! – Stammler.
* Aus dem Novemberheft der „Jungen Volksgemeinde“, etwas verspätet zwar, aber – es sind ja nicht nur die Kahlaer gemeint.
Quelle: Stadtarchiv Kahla (Abschrift)
