Künstlerisches Notgeld

Max Lehrs, Direktor des Kupferstichkabinetts Dresden (1921, 29. Dezember), Künstlerisches Notgeld, in: Berliner Tageblatt und Handelszeitung, Nr. 601
„Die Verwaltung der Stadt Kahla in Sachsen-Altenburg hat den guten Einfall gehabt, ihre nur für den Monat Dezember gültige Notgeldserie nach Entwürfen eines unserer besten Künstler Olaf Gulbransson, anfertigen zu lassen, ein erfreuliches Kultursymptom zu einer Zeit, da die Kunst allmählich auf allen Gebieten vom elenden Kitsch verdrängt wird. Der Münchner Meister hat denn auch, ungeachtet seines übersprudelnden Humors, die Sache sehr ernst genommen und Kompositionen geschaffen, die Stil und Monumentalität haben. Sie können direkt in größtem Maßstabe auf die Wand übertragen werden und es ist eigentlich jammerschade, dass sie zu so kurzem Leben verurteilt sind.
Die sechs Scheine zu 75 Pfg. tragen auf blauem Grunde, den dicken, grünen Stamm der deutschen Eiche, aus deren Zweigen Papierblätter herabrieseln. Die Kehrseiten sind mit je zwei zusammengehörigen humorvollen Szenen geschmückt. Der Spruch: Einigkeit macht stark wird durch eine freilich etwas niederbayrisch-simplizistisch gefärbte Rauferei aller Stände illustriert: Bauer, Geistlichkeit, Militär, Arbeiter, Lehrer und wüste Weiber, die mit Säbel, Regenschirm, Mistgabeln und Handgranaten übereinander herfallen. Auf dem Gegenstück Starkbier macht Einigkeit streben dieselben Vertreter mit hocherhobenen, vollen Maßkrügen Zusammen, eine Allegorie von großer Wahrheitsliebe, aber unbeschwert von moralischen Tendenzen. Die beiden folgenden Blätter zeigen den abgemagerten deutschen Merkur, der mit geflügelter Zipfelmütze und ebensolchen Pantoffeln nackt an einem Baumstammgebunden ist. Ein dicker französischer Kürassier schießt mit dem Bogen Pfeil über Pfeil auf den geduldigen Michel ab und wischt sich auf dem Gegenbilde schließlich ermattet den Schweiß von der Stirn, während sein gefesselter Gegner einen aus der Wunde gezogenen Pfeil zum Korrespondieren benutzt und mit der anderen Hand seelenruhig die telephonischen Geschäftsverbindungen mit dem In- und Auslande aufrecht erhält. Die beiden letzten Blätter sin die besten, ja sie entbehren sogar nicht einer gewissen tragischen Größe. Auf dem einen kehrt der deutsche Michel die bis zum Kriegsschluss allgemein gangbaren Sprüche auf den Kehrichthaufen: `“Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, Tue recht und scheue niemand“, Ehrliche währt am längsten, Ueb immer Treu und Redlichkeit, Bete und arbeite, Seid, einig, einig, einig“. Dort liegen auch schon neben dem Gesangsbuch einige der zehn Gebote: Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen und Du sollst nicht töten. Auf dem anderen erscheint er in der Silvesternacht an einer Pariser Anschlagsäule mit der Zipfelmütze auf dem kahlen Schädel und der schlotternden Hose über dem nackten Gerippe. Er hält in der linken den Kleistertopf und klebt mit der anderen Knochenhand das große Plakat mit dem drohenden: Meine, Meine, Tekel, Upharsin über alle Vergnügungsanzeigen der ahnungslosen Weltstadt. Dieser Spuk von den im Mondlicht schlummernden, vom Eifelturm überragten Häuserriehen hat etwas Gespenstiges und erinnert an unseren größten Monumentmaler, an Alfred Rethel. Es ist eine rühmenswerte Tat der Stadtverwaltung, in einer Zeit der Kunstnot diesem „Künstlernotgeld“ zum Leben verholfen zu haben. Man könnte frei nach dem Evangelisten Mtthäus (Kapitel 2 Vers 6) sagen: „Und du Kahla im Altenburger Lande bis mit nichten die kleinste usw.“
Quelle: Stadtarchiv Kahla (Abschrift)
